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Ein
Opfer im Morgengrauen
„Wenn die Sonne
aufgeht, stirbt die Prinzessin!“ Im Stadtschloss von
Tarantia, in einem Raum weit oben im Turm, saßen zwei dunkle
Gestalten beisammen. Einer war Arotay, der Berater und Magier der
Königsfamilie. Der andere war eine düstere Figur,
verhüllt in einem weiten Kapuzenmantel.
Arotays Augen glommen voll fanatischem Hass. Er sprach weiter:
„Zelila wird morgen bei Sonnenaufgang von mir gerufen werden.
Wie stets in dieser Jahreszeit wird sie die jährliche
Ansprache an die Bevölkerung halten. In aller Frühe
werden die Vorbereitungen getroffen, so dass sie des morgens zum Volk
reden kann.“
Die andere Gestalt machte eine Bewegung mit knochiger Hand
.„Dazu wird es nicht kommen,“ zischelte es aus der
Kapuze.
Arotay nickte. „Die Prinzessin wird höheren Zielen
dienen als sie es sich jemals hätte vorstellen
können. Ihr habt den Gegenstand bei euch?“
Die verhüllte Gestalt machte eine beschwichtigende Geste.
„Ihr werdet ihn früh genug erhalten. Es ist nicht
gut, wenn das Ding zu offen gezeigt wird.“
Arotay verzog sein hageres Gesicht zu einem teuflischen Grinsen
„Diese Narren glauben ich sei einer dieser verfluchten
Mitraspriester. Ha! Aber bald werden sie die Wahrheit erkennen. Nur
wird es dann zu spät sein!“
*
Conan knallte den Becher auf den rohen Tisch. „Mehr
Ale!“ brüllte er. Der schwarzhaaarige Cimmerier,
Hauptmann in der Wache Tarantias, der aquilonischen Hauptstadt, hatte
getrunken. Die Taverne war erfüllt vom Lärm der
Söldner, Diebe und sonstigen Taugenichtse die sich nachts in
dieser Spelunke trafen. Manche um ihren Geschäften
nachzugehen, andere um zu spielen, wieder andere um sich zu betrinken.
Der Cimmerier war zum Trinken gekommen. So wie die Handvoll Kameraden,
die ihn begleiteten. Die anderen Gäste hielten respektvollen
Abstand zum Tisch an dem die trinkenden Wachen saßen.
Abgetragene Lederbrünnen, schmucklose Helme, Schwerter denen
man den ständigen Gebrauch ansah – dies redete eine
deutliche Sprache, die man in solchen Lokalen gut verstand.
„Ich hasse diesen Dienst,“ murrte einer der Wachen,
ein junger Mann, „schlechter Sold, schlechtes Essen,
schlechte Unterkunft!“
„Und die Herrscherfamilie ist dekadent,
verblödet,“ warf ein anderer ein.
„Bis auf Zelila,“ meinte Conan.
„Bis auf Zelila“, stimmten die anderen zu. Zelila,
die Erbin der Hinrobias, Herrscher in Tarantia, war eine
Schönheit. Die junge goldblonde Frau war nicht nur mit einer
atemberaubenden Figur und betörenden Zügen gesegnet,
sie war zudem auch noch klug und von freundlichem Charakter.
„Zelila ist anders,“ fuhr Conan fort und ergriff
seinen Becher, „sie passt nicht zu diesem dekadenten
Haufen.“
Einer seiner Kameraden stieß ihn derb mit dem Ellbogen in die
Seite. „Na, Conan, du siehst so träumerisch aus
– verliebt, eh?“
Wütend blitzte der Cimmerier ihn an. „Pass auf was
du sagst!“
„Ach, gib’s zu. Und wir sind ja alle irgendwie ein
wenig in das Mädchen verliebt.“
Conan grunzte. Er hatte ja recht. Er war verliebt. Mehr noch
– Zelila liebte ihn ebenfalls. Seit Wochen trafen sie sich
heimlich, keiner durfte davon erfahren. Die Erbin der Hinrobias und ein
simpler Hauptmann der Wache – das würde Zelilas
Familie niemals gestatten. Conan fluchte leise vor sich hin.
Erneut schlug er mit dem Becher auf den Tisch: „Wirt! Wo zum
Teufel bleibt das Ale?“
*
Claudius Hinrobia, König von Aquilonien, hatte Arotay zu sich
bestellt. Noch vor dem Sonnenaufgang traf der Berater des Herrschers im
Thronsaal ein, wie befohlen.
Claudius saß auf seinem Thronsessel, bereits mit einem Pokal
voller Wein in der Hand. „Bist du mit deinen Vorbereitungen
fertig?“ fragte er.
„Es ist alles bereit, mein Herrscher“, sagte Arotay
mit gespielter Bescheidenheit, „Eure Tochter wird
für die Proklamation zurecht gemacht, es hat alles seine
Richtigkeit.“
„Gut,“ fuhr der Herrscher fort, „du
hattest noch einen Wunsch?“
„Ja, Gebieter, nur eine Kleinigkeit. Für das
Große Mitrasgebet habe ich um Mithilfe eines Bruders gebeten.
Er ist ein Oberpriester unseres Ordens und man munkelt, sein Leben
werde von den verfluchten Setpriestern bedroht.“
„Ach ja?“ Der Herrscher hörte eher
gelangweilt zu. Was interessierten ihn jene Zankereien der Priester,
ihm war das egal.
„Ja, mein Herr. Zum Schutz vor seinen Feinden hat mein Bruder
einige Leibwachen bei sich. Das stört Euch sicher
nicht?“ Arotay warf dem Hinrobia einen lauernden Blick zu.
„Mach nur, du weißt am besten was zu tun
ist.“
„Habt Dank, edler Herrscher. Seid bitte zeitig zur Stelle,
damit die Zeremonie gemäß den alten Sitten ablaufen
kann.“
Der Herrscher nickte nur und entließ Arotay mit einer
fahrigen Bewegung.
*
Der Sonnenaufgang fand Conan und seine Leute vor ihren Quartieren. Sie
hatten ihre Kettenhemden angelegt, die Schwerter gegürtet, die
konischen offenen Helme waren fest gebunden. Ihre Pferde wurden von
Pferdeknechten herbei gebracht. Conan inspizierte alles. Als er sich
davon überzeugt hatte, dass seine Leute voll einsatzbereit
waren, ließ er aufsitzen.
Er beugte sich im Sattel vor und sprach eindringlich zu seinen
Männern:
„Ich habe kein gutes Gefühl. Irgendetwas
gefällt mir nicht an dem was heute geschehen soll. Wir wollen
auf alles vorbereitet sein. Denkt daran: unser Auftrag ist es, Zelila
zu schützen.“
Die Männer nickten. Sie kannten ihren Hauptmann gut genug um
zu wissen, dass seine Ahnungen und sein Instinkt ihn selten trogen.
Ginge es nach ihnen, wären sie ohnehin längst ihre
eigenen Wege gegangen, einzig ihre Kameradschaft zu Conan hielt sie
noch beim Wachdienst.
Conan hob einen Arm als Zeichen. Sie ritten langsam los, in Richtung
des Platzes vor dem Herrscherpalast. Dort sollte die Zeremonie
stattfinden.
Nach kurzer Zeit trafen sie ein. Trotz der frühen Stunde hatte
sich schon viel Volk versammelt. Das jährliche Mitrasritual
war schließlich der Beginn eines fröhlichen Festes.
Neben Conans Männern waren noch einige andere Einheiten
aufgeboten worden. Mit einem kurzen Blick sah er, dass die anderen wie
üblich schlampig gerüstet waren. Für
derartige Nachlässigkeit hatte er kein Verständnis.
Conan war stets der Ansicht, ein Krieger müsse wann immer er
Waffen und Rüstung anlegt, dies auch gewissenhaft und mit
Sorgfalt tun. Eine Einstellung, die ihm und seinen Leuten schon
mehrfach das Leben gerettet hatte.
Zudem war es ihm auch wichtig, einen guten Eindruck zu machen.
Schließlich sah Zelila ihn heute beim Dienst.
Die Sonne würde bald aufgegangen sein.
Conan und seine Leute hatten einen Ring um die niedrige Empore vor dem
Palast gebildet wo die Zeremonie stattfinden würde.
‚Sicher ist sicher’, war Conans Überlegung
dazu.
Als das Tor zur Empore sich öffnete, kamen zwei Gestalten
heraus: Arotay, den Hofzauberer kannte Conan. Nicht jedoch die andere
verhüllte Gestalt neben ihm. Conans Augen verengten sich zu
Schlitzen – das was er sah, gefiel ihm gar nicht. Diese
unbekannte Gestalt hatte etwas Unheimliches an sich. Nun machte sie
auch noch eine befehlende Geste. Aus dem Tor kamen einige dutzend
grimmige Gestalten. Unruhe machte sich auf dem Platz breit, als man
sah, was da herausgetreten war – breite, muskulöse
Gestalten mit ungeschlachten, groben Zügen, in ledernen
Rüstungen und mit Äxten und Kriegskeulen bewaffnet.
Sie bauten sich vor den Wachen auf. Conan und seine Männer
warfen sich stumme Blicke zu. Sie waren alarmiert. Hier stimmte
wirklich etwas nicht!
Sodann erhob Arotay seine Stimme:
„Sehet euren Herrscher!“
Der Hinrobia trat heraus und begrüßte die Menge vor
dem Palast mit einer herablassenden Geste. Conan sah sofort, dass der
Mann bereits angetrunken war.
„Die Prinzessin!“, rief Arotay.
Zelila trat heraus, bescheiden und doch königlich. Conans Herz
schlug höher.
Die Sonne schob sich über den Horizont und verbreitete erste
helle Strahlen, die die Empore in ein rötliches Morgenlicht
tauchte. Zelila schritt hocherhobenen Hauptes zu ihrem Vater, vorbei an
der verhüllten Gestalt. In diesem Moment griff dieser
Unbekannte unter seinen Kapuzenmantel und hob einen Gegenstand hoch
über den Kopf empor.
Conans scharfe Augen sahen eine Art schwärzlich-roten
Kristall, der wie ein Magnet die Sonnenstrahlen anzusaugen schien. Wie
lebendig schien das Ding. Conan wandte den Blick instinktiv ab. Arotays
unbekannter Begleiter stimmte einen unheilig klingenden Singsang an, in
den der Hofmagier einfiel. „Yag shotot, yag rlye, yiee,
yiee“ – unmenschliche Töne waren es, die
die beiden Magier sangen.
Wie erstarrt, unfähig, etwas zu unternehmen, stand die
Volksmenge, standen die anderen Einheiten und gafften. Claudius
Hinrobia und Zelila wurden von Strahlen aus dem Kristall in rot
flackernde Lichtzungen gehüllt und schienen wie
gelähmt.
„ZELILA!!“ brüllte Conan, der es vermieden
hatte, direkt in das Licht des Kristalls zu blicken, und gab seinem
Pferd die Sporen. Wie ein Tornado sprang es zwischen die fremdartig
aussehenden Wächter der Magier. Axthiebe regneten auf Conan
herab, doch er hatte sein Schwert gezogen und wob ein Netz aus Tod und
Vernichtung um sich.
Ein Gegner sprang ihn von hinten an und fiel mit gespaltenem
Schädel zu Boden, während Conan einem anderen mit
einem grausamen Griff das Genick brach. Rot färbte sich der
Boden auf und vor der Empore. Seine Gegner niedermähend, brach
Conan durch und stand vor den Magiern. Entsetzt schauten diese zu dem
Berittenen hoch, der mit erhobenem Schwert den Tod für sie
bereit hielt. Conan schlug zu, der Kopf des Hofmagiers beschrieb einen
Bogen und spritzte Blut. „Nun zu dir, du Hund!“
Voller Blutdurst wandte sich Conan dem unbekannten Magier zu. Dieser
hielt ihm den Kristall entgegen und begann erneut, jene unirdischen
Töne anzustimmen. Conan merkte, dass jetzt nicht die Zeit war,
sich fremder Magie auszusetzen.
Mit einem Ruck an den Zügeln riss er sein Pferd herum und hob
die immer noch reglose Zelila hinter sich auf den Sattel. Ein
Schenkeldruck und sein Pferd sprang los, weg von diesem Platz. Aus den
Augenwinkeln sah Conan, dass Claudius Hinrobia inzwischen ganz in jenes
unheilige Licht gehüllt war.
Hufgeklapper hinter ihm sagte Conan, dass seine Leute nun ebenfalls aus
ihrer Erstarrung erwacht waren und ihm folgten.
In höchstem Tempo galoppierte er duch die Straßen
Tarantias, Zelila hinter sich fest haltend, gefolgt von seinen Leuten.
Dann raus durch das Stadttor und weiter, nur weiter, weg von diesem Ort
finsterer Magie.
*
Sie hatten ein Lager an sicherem Ort aufgeschlagen. Tarantia lag weit
hinter ihnen. Die Männer waren ihrem Hauptmann ohne zu
zögern gefolgt, als sie aus der magischen Erstarrung sich
lösen konnten und sahen, was geschah. Das Blubad vor der
königlichen Empore, die Rettung Zelilas, die rasende Flucht
– erstmals seit langer Zeit fühlten sie sich wieder
als Krieger.
Conan saß am Feuer, Zelila lag in seinen Armen.
„Conan, was ist denn eigentlich geschehen?“ fragte
das Mädchen.
Der Cimmerier strich ihr zärtlich über die Stirn.
„Ich nehme an, der Hofmagier hatte einen Putsch oder eine
höllische Beschwörung vor. Oder beides. Du solltest
sicher das Opfer sein. Jener andere Magier, von dem wohl niemand
weiß, wer das ist, hatte irgendwas mit diesem verfluchten
Kristall vor.“
Zelila nickte. Derartige Intrigen waren nicht wirklich
ungewöhnlich. Sie blickte Conan an: „Was ist mit
Vater?“
Conan zuckte mit den Schultern. „Ich glaube nicht, dass er
noch lebt. Und wenn doch, dann wohl nur noch als willenlose Marionette
des fremden Magiers. Jetzt bist erstmal du wichtiger, meine
Zelila.“
„Willst du mich denn noch, Conan?“
„Zelila! Was denkst du denn? Du weißt wie sehr ich
dich liebe.“
„Aber ich bin jetzt doch arm und mittellos.“
Conan grinste. Er trat das Feuer aus, winkte seinen Leuten ein Kommando
zu und sprang aufs Pferd. Zelila hob er hinter sich.
„Und ich bin kein Hauptmann der Wache mehr. Was brauchen wir
deinen Reichtum Zelila? Die ganze Welt wartet darauf, von uns
geplündert zu werden!“
ENDE
März 2008
Für meinen Freund Duncan zum 40. Geburtstag.
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